Meine Anfänge auf See

Meine Anfänge auf See begannen also auf jenem Brett im Kieler Kanu Klub an der Förde im April 2016. Das erste Training – auf dem Brett im Klub sitzen, ohne herunterzufallen – hatte ich erfolgreich und gelangweilt absolviert. Jetzt konnte mich nichts mehr von der Seefahrt abhalten! Wen ich in Ecki als Trainer erwischte hatte, konnte ich bis dahin noch nicht abschätzen. Ich hatte  ihn am Rande eines Vereinsabends im Januar zufällig kennengelernt. Ich schätze es an sich als einen Glücksfall ein, dass er sich dazu bereit erklärt hatte, mich privat zu trainieren. Seitdem hatten wir ein paar Mails ausgetauscht. Er malte in Worten Landschaftsbilder mit Tieren und unendlicher Weite. Das gefiel mir. Und ansonsten waren da hin und wieder markige Sprüche eingestreut, dass er auch Ansprüche an seine Schüler stelle. Die konnten mich wenig beeindrucken. Denn ich hatte in der DDR Leistungssport Schwimmen absolviert.

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MEIN Boot! Das Rote! Ca. Viermeterfünfundzwanzig!!!

Um es kurz zu machen: Ich überlebte das Training. Bei Ecki. Knapp!

Ich hatte zwar recht mit meinen glänzenden Voraussetzungen in meiner genialen Selbsteinschätzung. Ich traf aber mindestens auf einen genauso großen Angeber. Punkt eins: Der Unterschied zwischen einem langen schmalen Holzbrett in der Halle und einem Seekajak ist, dass niemand an dem Brett wackelt!

Ich drängte Ecki nach unserem Brettspiel auf möglichst rasche Fortsetzung in der Ostsee. Schließlich erstreckte die sich genau vor dem Klubhaus. Es war aber die Ostsee im April. Und während die Berliner Miniseen auch zu dieser Jahreszeit noch herrlich dazu geeignet sein können, Spiegelbilder mit dem Paddel als Motiv knipsen zu können, wirft die Ostsee im April meist Wellen. Obendrein besaß ich noch kein eigenes Boot, so dass ich mich naiverweise in eines von Ecki hineinsetzte. Als Neuling sah ich zwar gewisse Formenunterschiede zwischen den Bootsrümpfen in der Bootshalle, aber was ein unten spitz zulaufender Rumpf mit vorn nach innen eingedellten Bootswänden von der Wasserlage her bedeutet, konnte ich vorab zum Glück nicht ahnen. Das war Eckis Lieblingsform. Denn sie sind im Sturm kippstabil, laufen auch dann noch gut geradeaus, und sind bei langweiligem Wind noch etwas „fordernd“. „Fordernd“ zählt übrigens zu Eckis Lieblingswörtern.

Ich bekam Eckis vom Namen her bescheuertes Boot „Biene Maja“, obendrein in babyhellblau. Weil ich damals noch 12 Kilo mehr wog als jetzt und mich in seine anderen Bootsluken nicht ohne Hämatome reinzuquetschen vermochte (auch Maja hinterließ noch tagelang ihre Spuren!). Und weil „Biene Maja“ angeblich zu seinen kippstabileren Booten zählte.

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Alles Gepäck muss in wasserdichte Würste gestopft werden. Und alle Würste müssen hinterher ins Boot passen. Für eine Frau keine leichte Aufgabe! (im Hafen von Schlüttsiel)

Biene Maja fuhr sich rotationsstabil wie ein Strohhalm auf dem Meer. Ich betone rückblickend, dass es an sich bereits eine Kunst ist, in solch ein Boot einzusteigen. Von „einsteigen“ kann bereits keine Rede sein! Man versucht, nach Erstellen einer inneren Logistik seiner Körperglieder, von einem Steg aus seinen Körper in ein schmales Loch zu fädeln, während freundlicherweise der Lehrer diesen auf dem Wasser bockig ausschlagenden Balken am Steg arretiert. In Eckis Fall unterstützten mich fiese Bemerkungen. Hängen geblieben ist mir unter anderem sein „mit der Eleganz einer Seekuh…“ (grrrrrr!)

Liegt man dann immer noch nicht im Wasser, könnte der Unterricht eigentlich an dieser Stelle beendet sein, denn man hat genug erlebt, um sich nun in einem warmem Café mit herzlich anteilnehmenden bis bewundernden Freunden zu feiern.

Leider setzte Ecki den Unterricht fort. Ich sollte ablegen! Nein, um keinen Preis! Ich klammerte mich am Steg fest. Nichts half. Erst später erfuhr ich, dass Eckis Vater vor Stalingrad gedient hatte. Ich legte ab – und rührte mich nicht. Auch das half nicht. Denn nun war ich ein Korken auf den Wellen. Übrigens hatte ich keinerlei Theorie-Vorerfahrungen wie Kanuzeitschriften lesen oder Kanufahrende Freunde. Das Seekajak verhielt sich eindeutig anders als ein Packraft. Und leider die Ostsee anders als der Wannsee. Hier kippelte aber auch alles! Das Boot war meiner Meinung nach eindeutig seeuntauglich – im Vergleich zum Packraft. Und die See war lebensgefährlich. Instinktiv krallte ich mich an meinem Carbon-Paddel fest – als Biker hielt ich damit vertrautes Material wie von meinen Rennlenkern in der Hand. Das Ding eignete sich ganz gut als Balancierstange. Ecki gab mir zusätzlich den Tipp, ja nicht den Oberkörper seitlich zu verdrehen, sondern ihn immer senkrecht zu halten. Einer jener Tipps, die im Prinzip genial sind, und nur an Kleinigkeiten scheitern: Ich benötige lediglich BAUCHmuskeln! Mein Bauch begann zu brennen, und Eckis aufmunternde Zurufe, dass man mit lockerem Körper noch leichter Balancieren kann, erreichten mich dank des Windes nur eingeschränkt. Das Wasser war saukalt. Auch wenn ich in eine hässliche Schutzwurst namens Trockenanzug gepellt war, traute ich dem Ding überhaupt nicht. Mein Fokus lag darauf, jeweils nur weitere fünf Minuten aufrecht im Boot zu bleiben, ohne ins Eiswasser zu fallen.

Nach mir als Stunden erscheinender Trainingszeit quietschte ich irgendwann um Gnade, und jetzt lag nur noch eine Aufgabe vor mir: das Kajak zu verlassen. Nichts leichter als das, denkt man: rettendes Land in Sicht am Steg. Aber die Situation hat sich seit dem Einstieg ins Boot ins nichts geändert. Der an seiner „breitesten“ Stelle 52 cm schmale Balken namens „Biene Maja“ bockt auf den Wellen. Nerven und Muskeln sind am Ende. Nur Eckis Unterstützung ist jetzt aufgrund seiner Freude (worüber nur?) erheblich gewachsen, und er hievt mich freundlich auf den Steg.

Meine folgenden Trainingsstunden bei Ecki verliefen erst ab den frühsommerlichen windstilleren Tagen frohgemuter. Auch die Ostsee kennt wannseehafte Tage. Inzwischen hatte ich Steuermanöver im Wildwasserboot und etliche Kentertrainings in meiner Wurstpelle bei Eiswasser hinter mir. Auch hierzu reicht es festzuhalten: Ich überlebte. Dem Leser sei es zum Troste gesagt: die Eskimorolle kann ich bis heute nicht. Aber es gibt tatsächlich funktionierende Wiedereinstiegsmethoden, so dass man sich auf See ins Boot zurückfädeln kann, wenn einem ein zweiter Paddler dabei hilft und das Boot festhält. Als ich Ecki nach seiner Unterrichtsmethode befragte, nannte er als sein Motto: „Ich nehme meine Schüler lediglich mit aufs Meer. Das Meer unterrichtet sie.“ Zum Glück betoniert er einen auf See auch mit hunderten von Anweisungen ein. Der Kommandoton dabei war gewöhnungsbedürftig, aber Ecki meinte, das müsse auf See so sein, schon wegen des Windes.

Auf diese Weise fand ich mich bereits im August 2016 erstmalig auf der Nordsee wieder. Darüber schreibe ich dann im nächsten Kapitel. Für Ecki war es erstmal wichtig, herauszufinden, ob ich zum Packraft zurückkehren will: Klares „Nein!“ Und so suchte er für mich ein zum Körpervolumen und Fahrstil passendes Boot aus: meinen 4,50 Meter langen roten „Rebel“ Marke „Big Dog“ (inzwischen als „Gnarl Dog“ im Handel), ein „Johan Wirsen Boot“, wie er gern betont. „Es will aktiv gefahren werden.“ Für den Laien: Es ist dankenswerterweise in seinem Querschnitt in etwa das Gegenteil von Eckis Boot. Es läuft nicht spitz nach unten zu, sondern eher flach und breit und etwas kantig (ein „Knickspanter“ statt Eckis „Engländer“ im Riß). Damit kann es nicht so schnell umkippen. Und statt geradeauszufahren, will es ständig wie ein wilder Mustang nach rechts und links ausbrechen (statt Eckis „Geradeausläufer“). „Aktiv gefahren werden“ heißt, man muss ständig dagegen steuern. Das Boot hat keine Steueranlage hinten dran, so ein Stück Blech an zwei Drahtseilen. Sondern es hat eine stufenlos ausfahrbare Miniflosse hinten unten am Bauch. Das Ding heißt „Skeg“. Und wenn man begriffen hat, wie der Riß des Bootes verläuft, wo der Druckpunkt für Wind liegt, und dass das Boot immer IN DEN WIND HINEIN fahren will, also zur Seite von wo der Wind bläst, dann kann man auch selbstredend intuitiv richtig den Skeg setzen… Alles verstanden? Ja, so gings mir auch 🙂

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Links Eckis „Nordkap“-Boot, rechts mein „Rebel“ auf Hallig Hooge. Hier kann man die unterschiedlichen Bootsformen gut erkennen. Für eine Frau mag die wichtigste Frage sein: Wo passt mehr rein? 😉

 

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