Sollte man Seesterne sammeln?

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Himmlischer Gruß – ein Seestern

Seesterne zählen zu den reizenden Gesellen, die die Nordsee reichlich hergibt. Es gibt sie so rosig und knuffig wie auf diesem Bild, oder mit spindeldürren Armen, und mitteldick und schlaksig. Ich gab meinen Hang zum Sammeln rasch auf, als ich merkte, dass ich mir den Teufel ins Haus geholt hatte. Die Dinger hören einfach nicht auf zu stinken. Man kann sich gleich einen toten Fisch mit nach daheim nehmen.

Aber das sind, neben den stinkenden Einzellern, noch die harmloseren Seiten der nordischen Tiefsee. So richtig gemein und gesundheitsgefährdend sind die pelzig aussehenden Minikrebse wie hier unten auf dem Foto auf der Treppenstufe: Seepocken. Sie wachsen eigentlich überall, wo sie festen Untergrund finden: auf Treibholz, an Betonwänden, auf Muscheln. Seepocken bergen neben Austern ein hohes Verletzungsrisiko. Die Seepocken sind klein, daher nimmt man sie nicht ernst, wenn man sich auf einem Stein unter Wasser abdrücken will. Und die Austern sitzen meist tief im Schlamm, oder wenn sie fair sind, sichtbar in dichten Kolonien an Betonwänden. Beide Tierchen sind rasierklingenscharf. Und Seepocken senden obendrein noch etwas Ätzendes aus, was die Wunde merklich im Gedächtnis hält.

Bei einer meiner Touren zog ich mein Kajak, wie für die Nordsee üblich, hunderte Meter weit über Schlick hinter mir her, um endlich ans aufgeschlickte Marschland namens Hallig zu gelangen. Ich merkte, dass ich auf etwas Scharfes trat, nahm es aber wegen der Plackerei zunächst nicht ernst. An Land sah ich dann die klaffende tiefe Wunde in meiner Ferse. Die Auster hatte mich durch die dicke Hornhaut der Ferse hindurch wie eine Klinge geschnitten. Ich sprach mit Ecki darüber, ob ich jetzt die Tour abbrechen müsse, um mich ärztlich versorgen zu lassen. Nicht einmal zur Erstversorgung hatte ich etwas dabei, aufgrund unseres minimalistischen Gepäcks. Ecki meinte, ich solle einfach weitermachen. Die See werde alles heilen. Ich gebe zu, dass mich solche Äußerungen als Städter eher beunruhigen denn trösten. Die Ferse brannte. An Auftreten war nicht zu denken. Und so humpelte ich zu meinem Quartier, versorgte die Ausrüstung (spülen, trocknen) und mich (vom Salzwasser befreien und ernähren) und sank wie üblich mit einem reizvollen Blick auf die Weite des Meeres in meinen wohlverdienten Paddlerschlaf.

Am nächsten Tag war die Lage nicht besser: Die Ferse brannte, ich konnte nicht auftreten, ich klagte Ecki mein Leid, erhielt aber nur die selbe lakonische Antwort: „Das Meer heilt alle Wunden.“ Ich hatte genug Zeit für Müsli und Teetrinken auf einem herrlichen Muschelteppich. Ich sann darüber nach, ob ich heute oder erst in den Folgetagen an Blutvergiftung sterben werde und behielt mein Bein zumindest kritisch im Auge.

Das Leben als Paddler auf der Nordsee folgt den Gezeiten. Einer von Eckis Lieblingssprüchen ist „Die Tide läuft“. Läuft sie nicht, hängen wir stundenlang bei unseren Zelten/ Quartieren oder an einem Tourort fest. Ohne Wasser geht nichts. Wenn sie aber läuft, müssen wir die Zeit nutzen, um zu starten und zum Ziel überzusetzen. Sind wir knapp dran, fühlt sich das Paddeln mitunter an wie in einer Badewanne, aus der jemand fieserweise den Stöpsel gezogen hat. Das Paddel staucht in Sandboden, das Boot rutscht über Sand, und Du kommst hunderte Meter weit nur noch wie klebrig im Restwasser voran.

Ich beschloss, es beim Pflaster zu belassen und meine Neoprenstiefel überzustreifen, in der Hoffnung, dass die halbfeuchten Stiefel wenigstens noch weiteres Wasser von meinem Schnitt fernhalten würden. Zum Glück kann ich Paddeln im Unterschied zu Joggen im Sitzen betreiben. Zwar drücken die Füße bei jedem Paddelzug vorn gegen eine Querwand im Boot. Aber die Belastung ruht auf dem Vorfuß, so daß die Ferse entlastet blieb.

Als wir die Boote zu Wasser ließen, zerrann auch diese Hoffnung, trockenen Schuhs ins Boot zu gelangen: Ich musste das Kajak durch hohes Gras einer sumpfigen Wiese schieben, dann durch schlickiges flaches Wasser staken, wobei ich mit den Schuhen tief im Matsch einsank (der verschlingt jedes lose Schuhwerk), bevor ich mich ins Kajak setzen konnte.

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Sehen pelzig aus, sind aber rasierklingenscharf: Seepocken

Die Wunde brannte vom Salzwasser genauso freundlich als hätte jemand Salz in sie gestreut. Ich hob Wehklagen an und sann über die Mischung aus Matsch und Meer in meinem Neoprenstiefel nach. Zum Glück gibt es auf der Tour gigantisch schöne Ablenkungen: Himmel in unendlicher Form und Weite. Muskelkater vom gestrigen Tag (vor allem die Bauchmuskeln, Oberarme, Rücken), ein schmerzender Hintern (Kajakstühle sind alles andere als bequem, inzwischen habe ich endlich ein sesselartig gemütliches Gelkissen auf meinem Plastikhartschalensitz), ein Vogelschwarm, das Ausgelöschtwerden des Geistes im Nichts, in der reinen Wahrnehmung der Schönheit, die alles gut so sein lässt wie es ist.

Der Fuß heilte wirklich. Ich will niemandem zur Kur tiefer Schnitte mit Nordseewasser raten, wenn er Alternativen hat. Ecki erklärt das mit irgendwelchen Algen und Mikroorganismen, zusätzlich zum Salz, die Wunden und vor allem Hautkrankheiten sehr gut heilen lassen.

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Kunstobjekt? Die Eier der Wellhornschnecke

Inzwischen gehe ich nur noch mit Neoprenstiefeln durch Nordseeschlick. Und ich habe immer ein Paar Tauchhandschuhe in den Spannleinen auf meinem Kajakverdeck verstaut, die ich mir schnell überziehe, wenn wir an Steinen anlanden oder wenn ich mein Kajak über Steine im zu flachen Wasser stemmen muss. Wie schnell ein reflexhafter Griff ins Verderben führen kann, erlebte ich einmal bei Ecki. Als sein Boot beim Anlanden von einem anderen Kajaker touchiert wurde und ins Kippen geriet, griff er stützend auf den Igeldeich aus großen Felsblöcken – und hatte im selben Moment einen klaffenden Schnitt in seiner Hand. Auch er hatte in eine Auster gegriffen. Sie sind Glasscherben ebenbürtig und in etwa genauso schlecht auf Steinen zu erkennen. Nichts ist zum Paddeln ungünstiger als ein klaffender Schnitt in der Hand. Er blutete übel. Um weiterzupaddeln, lieh sich Ecki einen Neoprenhandschuh von mir, der wie ein Druckverband wirkte.

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Kalk-U-Boot vom Tintenfisch: Sepiaschalen übersäen strömungsweise ganze Sandbänke

 

 

 

 

 

 

 

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