Was packe ich ein?

  • SAMSUNGTourpause auf Amrum: der Versuch, alles, was auf See nass geworden ist, in der Restsonne mal schnell zu trocknen. Der schwarz-gelbe Sack links im Gras ist eine meiner großen Stopf-Packwürste – eine Art Ortliebsack mit Rollverschluss zum Zuklicken.

 

Im Unterschied zum Packraften würde ich Kajakfahren als minimalistisches Leben mit maximalem Aufwand beschreiben. Jedenfalls wenn man nicht wie ich in Kiel daheim ständig zwischen Kanuklub an der Kieler Förde und Tonne 6, der Glockentonne mit niedlicher Bimmelglocke, an der Kieler Außenförde hin und her paddeln will. Das ist so eine typische Trainingstour von rund 22 Kilometern. Man kann auch Zickzack über die Förde fahren. Oder in die Schwentine rein, einen kleinen Flußarm. Oder vom Klub rüber nach Schilksee und weiter nach Bülk, wo sich neben einem alten Leuchtturm (immerhin mit Café!) das reizende Klärwerk von Kiel befindet. Ecki würde auch für eine solche Tour auf der heimischen Förde mindestens Signalraketen, EPIRB und noch so eine Art Walky Talky mitnehmen. Und das wäre auch nur das sozusagen „kleine Besteck“, denn es gibt ja noch Rauchtöpfe und etliches andere Signalzeug. Während ich auf schöne warme Kleidung zum Wechseln, Handtuch, Sonnencreme und Sonnenbrille achte.

Für die Kanutouren zur Nordsee wurde mir rasch deutlich, dass es mit meinem Fahrrad (einem von meinen zwölf) nicht mehr getan ist. Das Seekajak wiegt breits im Leerzustand über 20 Kilo. Hinzu kommen noch ein minimalistischer Rollwagen, damit man das Ding über Land nicht tragen muss, Essensvorräte, für Camper das ganze Campinggerödel, was bereits Zelten transportmäßig so gemütlich macht, und gern auch Kleidung und die obligatorische Zahnbürste. An das gemütliche Leben als urbane Frau ist dabei überhaupt noch nicht gedacht, sei es nette Reiselektüre, ipad, Kosmetik, was Schickes an Land oder gar eine Handtasche.

Kurzum: Ich war froh, dass Ecki über mein faktisches Traumauto verfügte: einen VW-Bus! Dieser Bus verführt allerdings dazu, alles in ihn hineinzustopfen, was dann in Schlüttsiel oder einem dieser anderen ins Nichts verlaufenden Nordseehäfen doch nicht mehr ins Boot passt.

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Eckis Kultbus: ein VW California, VOR dem Umfüllen in unsere zwei Kajaks. Der kleine Rollwagen lässt sich zerlegen und ist wirklich praktisch. Das gerollte Papier ist eine laminierte Seekarte vom Wattenmeer – Ecki braucht sie nur zum Tourverlauf-Zeigen, Fahrwasserverläufe, Sandbänke, Tonnenmarkierungen hat er im Kopf. Daneben meine türkise Schwimmweste. Am wichtigsten sind die roten Packwürste.

Mein Leben auf See spielt sich in der Vorbereitung und am Ziel als Leben mit Packwürsten ab. Alles wird in wasserdichte Packwürste aus einem ähnlichen Material wie Fahrrad-Ortliebtaschen hineingestopft, und diese Würste werden dann vorn und hinten durch Lukenöffnungen ins Boot gestopft – am besten GLEICHmäßig! Einmal war ich in Schlüttsiel selig zur Tour rüber nach Hooge losgefahren, froh, jeden Kubikzentimeter meines roten „Rebel“ genutzt zu haben. Auch Müsli, Konservendosen und etwas Obst hatten noch ihre Lücken gefunden. Und dann kamen Wellen. Von vorn. Wellen an sich machen einem Kajaker nichts. Wenn das Boot leer ist. Oder gleichmäßig bepackt ist. Meins war definitiv nicht gleichmäßig bepackt. Sondern offenkundig vorn ein paar Kilo schwerer als hinten. Die Wirkung war: Mein rotes Boot bohrte sich in jede Welle, die mir von vorn entgegenkam, hinein, statt wie Eckis Boot über sie hinweg zu fahren. Das bedeutete: Jede Welle stoppte mich ab. Bei jeder Welle durfte ich gegen sie anpaddeln. Es waren unendlich viele Wellen…

Selbstverständlich gibt es da Paddlertricks: Ein starker Mann hebt mal selbstverständlich sein 40 Kilo Gesamtkajak an, locker in der Mitte hinterm Sitz gegriffen, und schaut im Waagegriff, ob sich das Kajak jetzt eher nach vorn oder nach hinten neigt. Wer nicht über solche Goliathkräfte verfügt wie ich, lernt nach solchen Tourerfahrungen schnell, die Packsäcke VOR dem Stopfen ins Boot abzuwägen und möglichst gleichmäßig in den Luken zu verstauen, sicherheitshalber hinten etwas schwerer als in der vorderen Bootshälfte. „Trimmen“ nennen das die Profis.

Was man am Zielort aus den Packwürsten wieder ans Tageslicht zerrt, ist sowieso alles zerknautscht – aber immerhin wasserdicht verpackt. Insofern sieht man als Paddler immer etwas seltsam aus – in die übliche Funktionswäsche aus Plastik und Fleece gehüllt oder faltenreich wie ein Rhinozeros.

Vielleicht darf ich an dieser Stelle noch den Umstand eines winzigen Lebewesens erwähnen: Protozoen oder ähnlich heißen sie. Von Natur aus winzige Einzeller, sorgen sie für einen gewaltigen Mief, den sogenannten Paddlermief. Er riecht wie Schimmel, obleich es doch lediglich der Verwesungsgeruch dieser winzigen Salzwasserlebewesen ist. Ist ein Paddler in seiner Kleidung von diesem Fluch betroffen, so stinkt er wie eine Mumie. Vor allem in den seltener und schwerer ausspülbaren Kleidungsteilen wie Neoprenschuhen setzt sich dieser Mumiengestank gerne fest, und er überträgt sich rasend schnell auf alle Kleidungsstücke, die mit ihm in Berührung kommen. Ganze Ehen zwischen See-Paddlern und Nichtpaddlern sollen schon durch die winzigen Protozoen auf die schiefe Bahn geraten sein, wenn begeisterte seefahrende Paddler nicht davon abließen, ihre Sportswear vor der Maschinenwäsche zum Trocknen im Badezimmer aufzuhängen.

Das Boot bepacken ist das Eine. Die andere Frage ist, wie man das Boot aufs oder ans Auto kriegt. Glücklicherweise hat Ecki einen bzw. mehrere Bootsanhänger, und wir müssen die Boote nur im Ausnahmefall wie hier unten auf dem Bild nach oben heben.

 

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Oben unsere Boote. Das blau-weiße Teil in der unteren Etage ist ein Outrigger: eine Art Kajak mit südseeartigen Seitenauslegern.

 

 

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